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Was leisten Familienverbände?

In Bayern beschäftigen sich mehrere große Verbände mit Fragen rund um die Familie. Wir haben mit Vertreterinnen aus vier Verbänden über Familienbilder sowie ihre Arbeit für und mit Familien gesprochen: Wie unterstützen die Organisationen die Familien in Bayern? Wie hat sich die Institution „Familie“ in den letzten Jahren entwickelt? Und: Was bedeutet Familie für die Expertinnen ganz persönlich?

Unsere Interview-Partnerinnen

Porträtfoto: Sabine Engel.

Sabine Engel (DFV)

Sabine Engel ist seit 2016 Vorsitzende des Deutschen Familienverbands (DFV) LV Bayern e. V. Als unverheiratete Mutter engagierte sie sich in den 1980er-Jahren im Verband alleinerziehender Mütter und Väter. Lange Zeit hat sie Familien beraten. In den 1990er-Jahren war sie Gründungsmitglied und jahrelange Vorsitzende des Münchner Familienbeirats (MFB). Parallel engagierte sie sich als Vorsitzende im DFV Ortsverein München. Für Sabine Engel steht fest: „Wo Kinder sind, da ist Familie“.

Porträtfoto: Renate Zeilinger.

Renate Zeilinger (eaf)

Renate Zeilinger, Dipl.-Sozialpädagogin (FH), ist Geschäftsführerin der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Familienfragen in Bayern (eaf bayern) und Referentin für Familienarbeit beim Diakonischen Werk Bayern. Darüber hinaus verantwortet Renate Zeilinger das Gütesiegel Familienorientierung der Diakonie Bayern, das familienfreundlichen Arbeitgebern in Kirche und Diakonie in Bayern verliehen wird. Renate Zeilinger ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern.

Porträtfoto: Gerlinde Martin.

Gerlinde Martin (FDK)

Gerlinde Martin ist seit 2014 Landesvorsitzende des Familienbunds der Katholiken (FDK) in Bayern, und Vorstandsmitglied des FDK in der Diözese Würzburg. Für die Arbeitsgemeinschaft deutscher Familienorganisationen in Bayern ist sie im Medienrat. Außerdem engagiert sie sich im Stadtrat und im Kreistag. Sie war die letzten 28 Jahre Vorsitzende des Pfarrgemeinderates ihrer Heimatpfarrei und ist im Vorstand des Arbeiter-Samariter-Bunds Würzburg-Mainfranken. Gerlinde Martin ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und 2 Enkel.

Porträtfoto: Helga Jäger.

Helga Jäger (VAMV)

Seit dem Studium war Helga Jäger immer in der Frauen- und Mädchenarbeit tätig. Sie unterstützte z. B. junge Mädchen, damit sie eine Ausbildung machen können und entwickelte Projekte für junge Mütter, die nach der Elternzeit den Weg zurück in eine abgebrochene Ausbildung suchen. 2011 hat sie im Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) in München die Projektleitung übernommen. Zu ihren Aufgaben gehört u. a. die telefonische Erstberatung für Alleinerziehende aus ganz Bayern. Außerdem organisiert Helga Jäger Vorträge und Seminare für alleinerziehende Eltern – ganz wichtig: Kinderbetreuung inklusive.

Deutscher Familienverband (DFV)

Der Deutsche Familienverband (DFV) wurde 1924 als „Bund der Kinderreichen“ gegründet. Er richtet sich an alle Familien – ob klassische Kernfamilien, Alleinerziehende oder Patchwork-Familien. Auch die Interessen des Verbands sind breit gefächert: Sie betreffen die Themen Erziehung, Kinderbetreuung und Wohnraum ebenso wie finanzielle Absicherungen im Alter und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ehrenamtlich tätige Mitglieder gestalten das Verbandsleben mit vielen Angeboten für Jung und Alt. Wir haben mit der Vorsitzenden des DFV Sabine Engel über ihre Sicht auf Familien gesprochen.

Sabine Engel: Familie ist schon lange nicht mehr nur die traditionelle Ehepaar-Familie bestehend aus Mutter, Vater und Kindern. Heute ist Familie eine Vielfalt unterschiedlicher Lebensformen, sie ist vielfältiger und bunter geworden. Familie ist jede Form des Zusammenlebens von Erwachsenen mit Kindern – egal ob Paar-Familien, Alleinerziehende, Mehrkind- oder Patchwork-Familien.

Die Familie ist ein einzigartiger Lernort – hier werden keine Noten vergeben und man bleibt nicht sitzen. Die Familie ist die wichtigste soziale Institution, sie erfüllt soziale und wirtschaftliche Funktionen und vermittelt Werte. Sie bietet Sicherheit, Geborgenheit, Schutz und Fürsorge für Kinder und Erwachsene – aber auch für kranke und alte Familienangehörige.

Familie prägt uns für unser ganzes Leben. Das familiäre Miteinander wirkt sich auch auf unseren Umgang und unsere Beziehungsfähigkeit mit anderen Menschen aus.

Seit ich vor fast 40 Jahren meine Familie gründete, hat sich sehr viel verändert. Es könnte aber noch mehr sein. Man versucht heute, die politischen Entscheidungen mehr am Bedarf der Familien und der Kinder auszurichten. Jetzt gilt es, diese Maßnahmen dem Bedarf nach Zeit, Geld und Infrastruktur anzupassen.

Der gesetzliche Anspruch auf einen Betreuungsplatz für unter dreijährige Kinder und der damit verbundene Krippenausbau ermöglicht Eltern die Vereinbarung von Familie und Beruf. Die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Wichtig ist aber nicht nur die quantitative, sondern ganz besonders die qualitative Entwicklung der Betreuungsplätze. Dabei müssen die Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt stehen. Was noch fehlt, ist der gesetzliche Betreuungsanspruch für Schulkinder.

Der Deutsche Familienverband Bayern hat bayernweit 20 Ortsvereine, in denen sich Menschen treffen, die familienpolitisch interessiert sind. Die Angebote unterscheiden sich je nach Bedarf. Es gibt z. B. Beratungen, Kleiderzentralen, Hausaufgabenbetreuung, Kinderbetreuung, Ferienlager, Elternbildung, Seniorentreffs, Vermittlung von Vater-Mutter-Kind-Kuren sowie Veranstaltungen und Kinderfeste. Im DFV fühlen sich alle Altersgruppen gut aufgehoben.

Als grundlegender Baustein spielt die Familie weiterhin eine wichtige und tragende Rolle in unserer Gesellschaft. Sie ist kein Auslaufmodell. Sie ist anders, vielfältiger geworden. Die Familie wird weiterhin viele Aufgaben übernehmen – z. B. die Erziehung der heranwachsenden Generationen oder auch die Pflege von Angehörigen.

Damit Familien dies in Zukunft leisten können, gilt: Nicht das Familienleben muss sich an die Erwerbstätigkeit anpassen, vielmehr muss sich die Berufswelt familiengerechter gestalten. Hier ist die Wirtschaft gefragt. Gebraucht werden familienfreundliche Unternehmen, die unter anderem Elternzeit und befristete Teilzeitarbeit mit Recht auf Rückkehr in Vollzeit für beide Elternteile fördern.

Familie ist für mich manchmal schwer zu verstehen und auszuhalten. Trotz allem gibt sie mir aber festen Halt und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Zur Familie gehört heute für mich außer meinem Sohn meine Enkeltochter, mein Bruder, auch mein Cousin und Cousinen mit deren Familien. Als sie noch lebten, zählten meine Mutter, alle Omas, Opas, Onkel und Tanten ebenfalls dazu. Familie bedeutet für mich Geborgenheit und Gemeinschaft.

Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Familienfragen in Bayern (eaf bayern)

Woran denken Sie beim Stichwort „Familie“? An Vater, Mutter und ein oder zwei Kinder? Für die Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen in Bayern e. V. (eaf bayern) ist Familie viel, viel bunter und umfasst alle Lebensmodelle, in denen jüngere und ältere Menschen füreinander sorgen. In der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen in Bayern e. V. (eaf bayern) haben sich aktuell 22 Werke, Dienste, Verbände und Arbeitsgemeinschaften der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern und des Diakonischen Werks Bayern zusammengeschlossen. Ihr Ziel: verbesserte Rahmenbedingungen für Familien und Kinder. Wir haben eaf-Geschäftsführerin Renate Zeilinger gefragt, was Familie ist und was Familien brauchen. 

Renate Zeilinger: Unsere Grundlage ist das christliche Menschenbild und die Haltung, alle Menschen wahrzunehmen und zu respektieren. Wir sehen uns als Anwalt für alle Familien und besonders für Kinder und Jugendliche als schwächste Mitglieder unserer Gesellschaft. Wir wollen dazu beitragen, ihre Start- und Lebensbedingungen sowie die Rahmenbedingungen ihrer Familien zu verbessern: Alle Kinder sollen von Anfang an in gleichem Maße an Bildung und Gesellschaft teilhaben können. Sie sollen nicht durch die Situation, in die sie hineingeboren werden, benachteiligt werden.

Das Wesentliche ist für uns als familienpolitischer Verband, die Vielfalt der Lebensformen anzuerkennen – und bei allen Aktivitäten und Entwicklungen im Blick zu haben. Prägend ist für uns bis heute das Wort der Landessynode der Evangelischen Kirche Bayern von 2000: „Familie – auch in Zukunft“. Dahinter steht der Gedanke, dass Familie heute in ganz unterschiedlichen Formen gelebt werden kann. Familie ist für uns überall dort, wo Verantwortung für Kinder und die ältere Generation übernommen wird. Und überall dort besteht Anspruch auf Anerkennung und Schutz durch die Gesellschaft.

Genau. Wir legen großen Wert darauf, dass „Familie“ nicht nur Mutter, Vater und Kind oder Kinder und vielleicht noch Alleinerziehende bedeutet, sondern alle Familienformen: von gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kindern über Großeltern, die ihre Enkel betreuen, bis zu Menschen, die sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern.

Ja, das ist unsere Lebenswirklichkeit. Pflege wird zu 75 Prozent in der Familie geleistet. Und jeder Mensch ist selbst potenziell betroffen. Eltern können von heute auf morgen Unterstützung und Pflege benötigen, ebenso Partnerinnen oder Partner, die Mitglieder von Patchwork-Familien.

Da die Großelterngeneration viel älter wird als früher und zugleich die Elterngeneration später Kinder bekommt, haben wir heute oftmals eine sogenannte Sandwich-Generation, die gleichzeitig für Kinder und für ältere Angehörige sorgen muss.

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen wird – so die demografische Entwicklung – in den nächsten Jahren stark zunehmen. Ein großer Teil wird von Angehörigen betreut und gepflegt, die noch im Berufsleben stehen. Deshalb ist es z. B. wichtig, dass Unternehmen Familienfreundlichkeit nicht nur auf junge Eltern beziehen, sondern auch auf Beschäftigte, die z. B. ihre Eltern oder Großeltern sowie ihre kranken Partnerinnen oder Partner betreuen. Wir benennen das Thema schon seit vielen Jahren immer wieder, um die Gesellschaft, die Arbeitgeber sowie die Politik dafür zu sensibilisieren und das Thema aus der Tabuzone zu heben.

Familienalltag ist oft ein riesiger Spagat zwischen Kindern, pflegebedürftigen Angehörigen und Arbeitsplatz. Familien brauchen mehr Zeit und flexible Angebote, z. B. am Arbeitsplatz, Qualität in den Kinderbetreuungseinrichtungen. Familienfreundliche Maßnahmen kommen übrigens auch den Unternehmen zugute. Denken Sie an den Fachkräftemangel: Familienfreundlichkeit ist ein Imagefaktor im Wettbewerb um Bewerberinnen und Bewerber. Neben ausreichend Zeit und Geld brauchen Familien eine verlässliche, familien- und kindgerechte Infrastruktur. Sie muss so ausgebaut werden, dass sie alle Familien im Alltag entlastet, unterstützt, bezahlbar ist und ihnen echte Wahlfreiheit eröffnet. Beim Kita-Ausbau hat sich in den letzten Jahren schon viel getan. Der qualitative Ausbau der Kindertageseinrichtungen sowie der Ausbau von Ganztagesangeboten für Schulkinder sind noch dringend erforderlich.

Junge Familien haben heute ein anderes Selbstbewusstsein. Junge Paare wollen Zeit haben für die Familie, für den Beruf und auch für sich. Und immer mehr Paare möchten die Familienaufgaben partnerschaftlich teilen, wenngleich die Realität häufig noch anders aussieht. Frauen wollen oft mehr arbeiten, Männer sich stärker in der Familie engagieren. Noch sind wir nicht am Ende des Tunnels angekommen: Der Gedanke der Partnerschaftlichkeit ist in der Gesellschaft noch nicht Normalität, nimmt jedoch zu. Oft prägen klassische Bilder und die persönliche Sozialisierung die Normen und Werte. Unterstützende und bedarfsgerechte Rahmenbedingungen für Familien tragen zu gesellschaftlichen Veränderungen bei. Was alle Familien eint: Sie wollen in ihrer jeweiligen Form und Situation wahrgenommen, angenommen und respektiert werden.

Familie für mich: ein Ort, an dem Verlässlichkeit erfahren, wo Werte vermittelt und Kompetenzen erworben werden können. Das gelingt nicht in jeder Familie. Deshalb brauchen Familien unsere Unterstützung.

Familienbund der Katholiken (FDK)

Der Familienbund der Katholiken (FDK) wurde 1953 von katholischen Bischöfen in Würzburg gegründet. Unter seinem Dach sind Diözesan- und Landesverbände sowie 15 katholische Verbände organisiert. Die Positionen des FDK gründen in der katholischen Soziallehre. Der FDK will die Interessen aller (nicht nur katholischen) Familien in Politik, Gesellschaft und Kirche vertreten. Er setzt sich für Familienfreundlichkeit, Gerechtigkeit für Familien und die Förderung von Ehe und Familie ein. Auch in der Familienbildung ist der FDK aktiv. Gerlinde Martin, Vorsitzende des FDK Bayern, schildert u. a., warum Familien Europas Schatz sind.

Gerlinde Martin: Alles, was unter „Familie“ firmiert, nimmt letztlich Maß an der Familie aus verheirateten Eltern mit Kindern. Damit ist keine Wertung verbunden. Aber man kann sagen, dass die klassische Kleinfamilie nach wie vor Spitzenreiter der verschiedenen Familienformen ist.

Typisch katholisch ist unser Menschenbild. Der Mensch ist in seinem Mann- und Frausein das Ebenbild Gottes. Damit ist die Familie mit der Natur des Menschen gegeben. In der berühmten Enzyklika „Rerum Novarum“ von Papst Leo XIII., mit der 1891 die katholische Soziallehre ihren Anfang nahm, heißt es unter Bezug auf die Bibel so schön: „´Wachset und mehret euch.´ Mit diesen Worten war die Familie gegründet.“

Familie ist die Quelle der Werte, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Hier genießen Kinder und Jugendliche ganz wesentlich ihre Erziehung. Hier können Heranwachsende lernen und einüben, wie man einander wertschätzend und respektvoll begegnet und wie man aufeinander achtgibt. Hier sind die Menschen eingebettet und fühlen sich wohl. Was Familien in dieser Hinsicht leisten, ist von unschätzbarem Wert für unsere Gesellschaft – weit darüber hinaus, dass in den Familien natürlich auch die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler von morgen heranwachsen.

Bayern legt einen großen Wert darauf, dass jeder nach seiner Fasson selig werden kann. Dazu gehört auch die Familie. Politisch bedeutet das, den Familien auch finanziell einen Freiraum zu lassen, damit sie sich nach ihren Vorstellungen der Erziehung ihrer Kinder widmen können, ohne allzu große wirtschaftliche Verluste hinnehmen zu müssen. Sie brauchen echte Wahlfreiheit. Das Landeserziehungsgeld und das Betreuungsgeld spielen dabei eine sehr große Rolle, auch wenn die Politik hier noch sehr viel mehr tun muss. Diese Wahlfreiheit hat das Bundesverfassungsgericht schon 1998 angemahnt.

Wir mischen uns in die Politik ein. Wir versuchen gegenüber der Politik, der Wirtschaft und der Öffentlichkeit klar zu machen, was auf dem Spiel steht, wenn Familien vernachlässigt werden. Sie haben natürlicherweise die erste Verantwortung für ihre Kinder. Deshalb entscheiden sie darüber, wie sie ihre Kinder erziehen wollen. Das Verfassungsgericht spricht von einer „höchstpersönlichen“ Entscheidung. Der Staat muss also alles tun, damit die Eltern dieser höchstpersönlichen Verantwortung auch in vollem Umfang gerecht werden können. Man muss erkennen, dass wir nicht nur ein Wirtschafts-, sondern auch ein Familien-Standort sind.

Wir in Würzburg bieten außerdem vielfältige Hilfen zum gelingenden Leben für Paare und Familien. Das Angebot reicht von KEK-Coachings für Paare – „KEK“ steht für „Konstruktive Ehe und Kommunikation“ – bis zu Erziehungskursen für Eltern zu verschiedensten Themen und Lebensabschnitten. Das Ziel: mehr Freude und weniger Stress für Eltern und Familien. Die Familien-Wochenenden richten sich ausdrücklich auch an Familien mit behinderten Kindern.

Glück, Halt und Geborgenheit. Ich bin gern Ehefrau, Mutter und Oma. Ich bin froh und dankbar für meine Familie. Sie unterstützt mich in meinen ehrenamtlichen Aufgaben und gibt mir Rückhalt. Meine Familie hat in jedem Fall Vorrang: Sie wissen, wenn sie mich brauchen, bin ich jederzeit für sie da.

Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV)

Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) ist seit 50 Jahren Anlaufstelle, Beratungsort und Treffpunkt für alleinerziehende Eltern. 1967 als „Verein lediger Mütter“ gegründet, unterstützt die Selbsthilfeorganisation bundesweit ledige, getrenntlebende, geschiedene oder verwitwete Mütter und Väter sowie deren Kinder mit Informationen, Beratung und professioneller Hilfe. Die Landesverbände, Ortsverbände und Kontaktstellen des VAMV setzen sich deutschlandweit vor Ort für die Belange der Alleinerziehenden ein. Der Landesverband Bayern besteht seit 1976 und hat derzeit knapp 30 Kontaktstellen. Das Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe. Das Ziel: die Anerkennung und Verbesserung der rechtlichen und sozialen Situation von Einelternfamilien. Wir haben mit Helga Jäger gesprochen, Projektleiterin der VAMV-Geschäftsstelle in München. Ihr Motto: Alleinerziehend … aber nicht alleingelassen!

Helga Jäger: Für mich ist es wichtig, die Vernetzung der alleinerziehenden Eltern zu fördern und junge Mütter und Väter zu erreichen. Dank der sozialen Medien ist heute ein einfacher und schneller Austausch möglich. Das schätze ich sehr, aber: Diese Wege ersetzen für mich nicht das persönliche Gespräch. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein wichtiges Thema. Wir organisieren z. B. Wochenendseminare und jedes Jahr eine kostengünstige Sommerfreizeit für Alleinerziehende und ihre Kinder. Dabei bieten wir auch immer eine Kinderbetreuung an und engagieren z. B. Studierende aus dem pädagogischen Bereich oder Erziehende in Ausbildung. Diese Angebote werden zunehmend nachgefragt – auch von berufstätigen Müttern, die sich erholen möchten.

Das wird auch in Zukunft ein wichtiger Bereich für mich sein – die Gesundheit der Alleinerziehenden und die Frage: Wie können wir sie entlasten? Wir haben z. B. ein Seminar zum Thema „Achtsamkeit“ veranstaltet – hier lernen Alleinerziehende, wie sie mehr Rücksicht auf ihre eigenen Bedürfnisse nehmen und sich kurze Verschnaufpausen gönnen können. Das stärkt sie auch für den Alltag. Viele unserer Mitglieder nutzen außerdem unsere telefonische Rechtsberatung. Die meisten Fragen drehen sich um das Familienrecht: Trennung, Scheidung, Umgang und Sorgerecht. Was auch viel nachgefragt wird: kostenloses Info-Material und Broschüren, darunter auch ein Trennungsleitfaden – eine Orientierungshilfe für die erste Zeit nach der Trennung. Die Beratung in diesem Bereich nimmt zu: Viele Frauen fragen am Telefon, was sie bei einer Trennung beachten müssen.

Der Großteil der Anfragen, die uns erreichen, kommt von Frauen – über 90 Prozent unserer Mitglieder sind alleinerziehende Mütter. Es hat sich schon etwas verändert: Das Interesse der Väter an der Erziehung ist größer als früher. Aber Väter verlassen normalerweise nicht ihre Vollzeit-Erwerbstätigkeit. Wie es nach einer Trennung abläuft, hängt meiner Meinung nach auch davon ab, wie die Situation davor war. Wenn Väter sich vorher schon gekümmert haben, sind sie auch nach einer Trennung interessiert an den Kindern und der Erziehung. Gab es jedoch eine klassische Rollenverteilung – Mutter Erziehung, Vater Geldverdienen – dann wird sich dieses Verständnis wahrscheinlich auch nach einer Trennung nicht ändern. Das ist übrigens keine Frage des Alters. Auch bei jungen Frauen beobachte ich: Sobald das erste Kind kommt, fallen sie in die traditionellen Rollenmuster – sie nehmen Elternzeit, steigen danach nur in Teilzeit wieder in den Beruf ein. Der Großteil der getrenntlebenden Paare, etwa 80 bis 90 Prozent, teilt sich heute das Sorgerecht. Allerdings ist das nur die rechtliche Seite, der Alltag sieht oft anders aus. Viele Kinder sehen ihren Vater nicht regelmäßig.

Sie sind in einer schwierigen Situation, wollen beiden Eltern gegenüber loyal sein. Kinder bekommen viel von den Streitereien der Eltern mit, fühlen sich hin und hergerissen. Wir haben das mal in der Kindergruppe abgefragt, es zeigte sich: Viele Kinder leiden, wenn Eltern sich streiten. Und: Viele trauen sich nicht zu sagen, dass sie den getrenntlebenden Elternteil vermissen. Kinder geben sich oft die Schuld für eine Trennung der Eltern. Auch die finanzielle Situation wirkt sich auf die Kinder aus, wenn sie z. B. nach den Ferien nicht von einer Urlaubsreise erzählen können. Viele Alleinerziehende können sich auch Klassenfahrten nicht leisten – darunter leiden Kinder. Es ist wichtig, dieses Geld für die Kinder zu haben. Deshalb: Keinen Unterhalt zu zahlen, ist kein Kavaliersdelikt! Eine Trennung ist immer belastend für ein Kind, aber wenn Eltern sich Mühe geben und sich auf bestimmte Regeln einigen, ist es einfacher. Ein Kind sollte nicht zum Spielball der Eltern werden.

Sie bringen viele Dinge unter einen Hut – Haushalt, Job, Erziehung, Anträge stellen … Alleinerziehende sind Allroundtalente im Organisieren, aber auch im Aushandeln mit ihren Kindern. Das ist eine große Leistung, für die Alleinerziehende leider immer noch zu wenig Wertschätzung bekommen. „Alleinerziehend“ wird immer noch als Defizit, als Makel gesehen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Diese Menschen entwickeln Fähigkeiten und Stärken durch das, was sie auf Dauer allein meistern – manchmal auch bis zur Schmerzgrenze. Das sollten auch Arbeitgeber sehen: Alleinerziehende Eltern sind Multitalente!

Mein Tipp: Suchen Sie Kontakt zu anderen Alleinerziehenden, vernetzen Sie sich. So sehen Eltern, dass sie nicht allein sind. Es ist wichtig, rauszugehen, sich auszutauschen – auch und gerade für Eltern mit kleinen Kindern. Und ich rate ihnen, frühzeitig durch Erwerbstätigkeit für die eigene Absicherung zu sorgen. Die Kindererziehung dauert nur eine gewisse Zeit; für Eltern ist es wichtig, auch danach etwas Eigenes zu haben – nicht nur Geld, sondern auch Selbstbewusstsein und Bestätigung.

Familie ist für mich der Ort, an dem verschiedene Personen dauerhaft in einer Beziehung leben und füreinander da sind – Eltern für die Kinder, aber auch Kinder für ihre Eltern. Kurz: Verbindlich dauerhaft Verantwortung übernehmen. Ich schätze die heutige Vielfalt von Familien – ob Mutter, Vater Kind, gleichgeschlechtliche Paare, Patchwork-Familien oder Alleinerziehende.

Lesetipp

Auf unserer Website finden Sie auch ein Interview mit Alexandra Gassmann, Landesvorsitzende des Verbands kinderreicher Familien und Mutter von neun Kindern.

Die Landesverbände des Deutschen Familienverbands, der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen sowie des Familienbunds der Katholiken sind im Landesbeirat für Familienfragen vertreten. Der Landesbeirat berät die Bayerische Staatsregierung in Fragen der Familienpolitik.